Freitag, 5. November 2010

Willkommen!

Nachdem ja angeblich in D Fachkräftemangel herrscht, sollte es mir als eben solcher mangelnder Fachkraft (wenn man denn recht vielseitig erprobte Naturwissenschaftler in die Definition mit aufnimmt, was die meisten Fachkräftemangel-Schreier zu tun scheinen) eigentlich nicht schwer fallen, eine längerfristige Stelle zu finden, von der ich meine Familie ernähren kann. Stimmt's?

Nun ja, bisher sehe ich - nach über zweijährigen Dauerbewerbens - davon nichts. Im Gegenteil sehe ich:

- arrogante Personaler, die mir eiskalt sagen, dass ich in Deutschland nichts Besseres finden werde als eine unendliche Abfolge von Ein-Jahresverträgen zu sinkendem Gehalt.

- Mir begegnen "Skill sheets", wo Hunderte Spezial-Fähigkeiten abgefragt werden, die nichts über die wirkliche Qualifikation und Lernfähigkeit aussagen und nach dessen Ausfüllen ich mich als absolut unqualifiziert herausstellte für meine eigene vorherige Stelle (bei der mein Chef fast entsetzter als ich war, als er mich auf "Befehl von oben" nicht mehr dabehalten durfte).

- Ich werde zu Interviews eingeladen und, nachdem ich Urlaubspläne u.ä. dafür über den Haufen geschmissen habe, vor dem Interview gleich wieder ausgeladen.

- Ich bewerbe mich auf konkrete Stellen, um dann als Initiativbewerbung mit Hunderten anderen "abgelegten" Kandidaten auf immer und ewig in den firmeninternen Bewerberdatenbanken weggespeichert zu werden.

- Ich erkundige mich nach vielen Monaten ohne Reaktion auf meine Bewerbungen, bei denen ich ausnahmslos alle in der Anzeige erwünschten Kriterien erfülle, um zu erfahren, dass das Bewerbungsverfahren immer noch läuft, während die Stellenanzeige immer wieder neu ausgeschrieben wird, damit sich vielleicht noch perfektere Kandidaten bewerben. (Und während die Firma gleichzeitig der Politik vorjammert, wie sie monate- und jahrelang die Stelle nicht besetzen "können".)

- Wenn ich erkläre, zu einem bestimmten Zeitpunkt zur Verfügung zu stehen (ist schließlich nicht ungewöhnlich bei Zeitverträgen...), werde ich von Personalern, die die Stelle lieber heute als in zwei Monaten besetzen wollen, angeschnauzt, dass ich die falschen Prioritäten setze, indem ich ihnen nicht jederzeit sofort und klaglos (für einen noch schlechter bezahlten Einjahresvertrag in einer Branche, die schon mit großer Wahrscheinlichkeit absehbar am Ende dieses Vertrags kein Geld mehr zur Verlängerung jeglicher Verträge haben wird) zur Verfügung stehe - da werde man sich halt einen Bewerber auswählen, der flexibler ist.

Daher möchte ich ab jetzt öffentlich protokollieren, wie heutzutage mit uns "Bettelvolk" von qualifizierten Jobsuchenden umgesprungen wird. Hoffentlich mit reger Beteiligung von anderen in ähnlicher Lage sollten wir als Bewerber diesem menschenverachtenden Zirkus endlich entgegentreten - Firmen öffentlich anprangern, die Bewerber wie Dreck behandeln; unsere Erfahrungen sichtbar machen, um dem Geschrei nach angeblich fehlenden Fachkräften Konkretes entgegensetzen zu können; unserer Wut Luft machen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Also bitte, viele Kommentare, persönliche Beispiele, Links usw. sind hier erwünscht!

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